Parlamentswahl in Serbien Vucic räumt Niederlage ein - Studentenliste gewinnt
Stand: 26.10.2026 • 08:08 Uhr
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Serbien hat der Spitzenkandidat der regierenden SNS-Partei, Vucic, seine Niederlage eingestanden. Die oppositionelle Studentenliste habe die Wahl gewonnen. Auf den Straßen herrschte Jubel.
Der langjährige serbische Präsident Aleksandar Vucic hat nach der vorgezogenen Parlamentswahl seine Niederlage gegen die von Studenten angeführte Protestbewegung eingestanden. Zwar lägen noch keine endgültigen Ergebnisse vor, auf Basis von Hochrechnungen sei jedoch klar, dass seine SNS-Partei die Wahl verloren habe, sagte Vucic.
Nach einer Projektion der Wahlforschungsgruppe Cesid holte die Oppositionsbewegung mit gut 52 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit. Die Serbische Fortschrittspartei (SNS) von Vucic kommt auf gut 39 Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung erreichte einen Rekordwert von fast 70 Prozent.
Studentenliste fast ohne Studierende
Der Listenführer der Studentenbewegung, Ilija Srdanovic, erklärte in der Wahlnacht, er sei stolz auf seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dem "Tyrannen" Vucic ein deutliches "Nein" entgegengeschleudert hätten. Er zeigte sich überzeugt: "Wir schreiten in ein zivilisierteres und besseres Serbien."
Wer nun neuer Regierungschef wird, ist aber noch unklar. Obwohl Srdanovic die Studentenliste anführte, gilt er nicht automatisch als Anwärter für das Ministerpräsidentenamt. Die Bewegung hat sich bislang in Personalfragen hinsichtlich einer künftigen Regierung nicht festgelegt.
Ilija Srdanovic feierte den Sieg seiner Studentenbewegung.
Einer der bekanntesten, der mindestens für ein Ministeramt gehandelt wird, ist Dejan Soskic. Er ist Wirtschaftsprofessor der Universität Belgrad und ehemaliger Chef der serbischen Notenbank. "Stabilität, Frieden und ein rechtmäßiges Vorgehen - das ist jetzt das wichtigste bei der Bildung einer neuen Regierung", sagte er am Abend. Es werde "keinerlei Revanchismus geben und keine Revolution". Eine der ersten Aufgaben sei es, Medienfreiheit herzustellen.
Auf der Studentenliste stehen nahezu keine Studierenden. Aufgestellt hat sie eine Bewegung, die auf Führungsgremien verzichtet und ihre Entscheidungen in basisdemokratischen Versammlungen trifft. Die Liste besteht vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärzten und Künstlern. Ihr knappes Elf-Punkte-Programm verspricht die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und Kriminalität.
Zehntausende feiern auf den Straßen
Nach Bekanntwerden der Zahlen feierten Zehntausende Menschen im ganzen Land den Wahlausgang. In Belgrad kam teilweise der Verkehr durch die Menschenmassen zum Erliegen. Zehntausende Menschen liefen jubelnd durch die Straßen der Stadt.
In der serbischen Hauptstadt Belgrad feierten die Menschen nach dem Wahlsieg der Studentenliste.
Der 56 Jahre alte Vucic hat die serbische Politik seit vielen Jahren beherrscht. Ende September war er von seinem Amt als Staatspräsident zurückgetreten - um im Falle eines Wahlerfolgs seiner Partei Regierungschef zu werden. Sein Präsidentenmandat wäre im Mai kommenden Jahres ausgelaufen. Nach zwei Amtszeiten kann er für diese Position nicht mehr kandidieren. Vucic bleibt nun vorerst nur die Rolle des Oppositionsführers.
Proteste gegen Regierung und Korruption
Die Protestbewegung war nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in der zweitgrößten serbischen Stadt Novi Sad vor zwei Jahren entstanden. Damals kamen 16 Menschen ums Leben. Kritiker führten das Unglück auf Korruption und Schlamperei der Vucic-Regierung zurück. Die anschließenden Proteste der Studentinnen und Studenten mobilisierten breite Schichten der serbischen Bevölkerung. Aus den Demonstrationen entwickelte sich eine Bewegung gegen die Regierung und die weitverbreitete Korruption im Land.
Hunderttausende Menschen beteiligten sich an Kundgebungen in Belgrad und forderten vorgezogene Neuwahlen. Sie zählten zu den größten Protesten in Serbien seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Slobodan Milosevic im Jahr 2000.
Kritiker werfen Vucic vor, die Demokratie in Serbien ausgehöhlt und Andersdenkende sowie unabhängige Medien unterdrückt zu haben. Serbien hat bereits seit 2012 den Status als EU-Beitrittskandidat und begann 2014 unter Vucic offizielle Beitrittsverhandlungen. Der Kurs der bisherigen serbischen Führung ließ den Beitrittsprozess zuletzt aber weitgehend stagnieren.
EU sieht Chance auf Neuanfang
Ein Grund war auch Vucis Festhalten an engen Kontakten mit Moskau. Als einziges europäisches Land außer Belarus übernahm Serbien nicht die Sanktionen der EU gegen Russland, als Kremlchef Wladimir Putin die Ukraine 2022 militärisch angreifen ließ. Russische Agenten und Influencer können sich in Serbien nahezu frei bewegen. Die Propagandamedien der Vucic-Regierung machten die EU schlecht und stellten Russland und China in rosigem Licht dar.
Spitzenvertreter der EU gratulierten der Studentenliste zum Wahlsieg und stellten ihr eine enge Zusammenarbeit in Aussicht. "Wir sind bereit, Reformen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und Stärkung demokratischer Institutionen zu unterstützen und gemeinsam daran zu arbeiten, Serbiens Weg in die Europäische Union voranzubringen", schrieben Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa in einer gemeinsamen Erklärung auf der Plattform X.
Als einer der ersten Gratulanten äußerte sich Peter Magyar, der Ministerpräsident des EU-Nachbarlandes Ungarn. Sein Wahlsieg im April hatte die 16-jährige Herrschaft des Rechtspopulisten Viktor Orban beendet - eines engen politischen Verbündeten von Vucic. Ungarn werde die Studentenliste unterstützen, schrieb Magyar auf seiner Facebook-Seite.
Mit Informationen von Oliver Soos, ARD-Studio Wien
